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Wahlfamilie

QUEERE WAHLFAMILIE STATT BLUTSVERWANDTSCHAFT

CN: HIV/AIDS

Dieses Weihnachten habe ich das erste Mal mit queeren Freund*innen statt mit der Familie gefeiert und es war ganz großartig. Hier geht es um meine Herkunfts- und Wahlfamilie, das Gefühl von Zugehörigkeit und Authentizität.

Mein erstes queeres Weihnachten

Wie Weihnachten sonst bei mir abläuft: An Heiligabend bin ich normalerweise bei meiner Mutter, an einem der Weihnachtsfeiertage bei meinem Vater und seiner Frau.

Weihnachten 2021: Mein erstes Weihnachten, an dem ich in den meisten Kontexten als genderqueer trans* geoutet bin. Mein Vater und seine Frau sind im Urlaub, mit meiner Mutter habe ich aktuell keinen Kontakt. Doch mein Verlangen nach einem queeren Weihnachtsbeisammensein kam bereits auf, bevor ich wusste, dass auch mein Vater nicht da sein würde. Nach der Urlaubsbotschaft fragte ich also eine befreundete nicht-binäre Person, von der ich wusste, dass sie keine Lust aufs Familienfest hat, ob wir zusammen feiern wollen. Die Person lud mich ein, mit ins ländlich gelegene Elternhaus zu kommen, die Familie über Weihnachten ebenfalls verreist. Zwei weitere nicht-binäre Personen, die ich flüchtig kannte, kamen auch mit.

Vor diesem Trip kannte ich keine der drei Personen sonderlich gut, aber ich hatte bereits im Gefühl, dass wir uns gut verstehen würden. Und so sollte es sein. Wir kommunizierten unsere Gefühle und Bedürfnisse vor und während des Urlaubs, spielten Spiele, lasen Bücher, redeten über unsere Herkunftsfamilie und Urlaube, tanzten ausgelassen, lachten, spazierten, schauten Serien und Wintersport. Es gab unglaublich leckeres veganes Weihnachtsessen und wenig Stress. Für mich war es das schönste und entspannteste Weihnachten bisher. Und diese drei Personen, die vorher eher Bekannte waren, würde ich nun als meine Freund*innen bezeichnen.

Queere Kontakte

Lange Zeit sehnte ich mich nach mehr genderqueeren Freund*innen, insbesondere als ich begann, immer offener mit meiner Geschlechtsidentität umzugehen. Durch einen queerfeministischen Lesekreis und eine weitere Gruppe lernte ich nach und nach mehr nicht-binäre Menschen kennen. Doch die Verbindungen waren oft nicht so nah wie ich sie mir wünschte, vermutlich größtenteils bedingt durch das Onlineformat. Im Oktober fand dann eine Veranstaltungsreihe an der Uni statt, die ich mitorganisiert hatte. Dort knüpfte ich viele neue Kontakte, einige Leute kannte ich bereits von den Treffen zur Planung der Veranstaltungsreihe. Und glücklicherweise ist diese Truppe an Menschen sehr queer. Ich fühlte mich als Teil von etwas. Dort lernte ich auch meine Weihnachtsfeiercrew kennen.

Wahlfamilie und kollektives Trauma in POSE

Eine meiner Lieblingsserien ist POSE. Dort leben vor allem trans Frauen und schwule Männer of Color zusammen, die Wohngemeinschaften werden als Häuser bezeichnet und es gibt Hausmütter (und -väter). Dort finden diejenigen, die aufgrund ihrer Identität von ihrer Herkunftsfamilie verstoßen wurden, Zuflucht und eine neue Familie. Die Häuser treten bei Bällen gegeneinander an, es wird getanzt und gepost. Der Grund, warum ich diese Serie so sehr liebe, ist das Gefühl von Zugehörigkeit, das sie vermittelt. Und zu sehen, dass auch Personen, die von der Gesellschaft ausgestoßen werden, sich gemeinsam etwas Großartiges aufbauen können.

Der gesellschaftliche Ausschluss bleibt natürlich beschissen und wird in der Serie immer wieder thematisiert. Zudem spielt die Serie in einer Zeit, in der die Diskriminierung noch viel stärker war und HIV noch eine Krankheit, die nicht ansatzweise so gut behandelbar war wie sie es heute ist. Die Serie ist dementsprechend verdammt traurig.
Ich denke nicht, dass ich ein „Anrecht“ auf dieses kollektive Trauma habe, das insbesondere Schwarze trans Frauen und trans Frauen of Color erlebt haben. Dennoch ruft mir diese Serie in Erinnerung, wie viel Verlust die queere Community durch AIDS erlitten hat und dass ich mit mehr Queerness hätte aufwachsen können, wäre damals mehr gegen diese Epidemie getan worden.

POSE als Inspiration

Und die Serie inspiriert mich. Sie inspiriert mich, queere Räume zu suchen oder zu schaffen, eine Wahlfamilie zu haben. Ich wurde von meiner Herkunftsfamilie glücklicherweise nicht verstoßen, aber wie auch für viele andere queere Menschen, ist Familie ein schwieriges Thema für mich. Und ich brauche Räume, in denen Menschen meine Erfahrungen teilen und verstehen, in denen ich mich sicher, respektiert und wertgeschätzt fühle, als queere Person, die ich bin. Ich brauche Räume, in denen ich nicht misgendert und gedeadnamed werde. Räume, in denen mein Beziehungsmodell nicht hinterfragt wird. Räume, in denen mein Wunsch nach körperlicher Selbstbestimmung unterstützt, mein Wunsch nach medizinischer Transition verstanden wird. Und wo ich gewisse Sachen einfach nicht erklären muss.

Schaff dir deine Wahlfamilie!

Mittlerweile kenne ich also einige queere Menschen und ein paar dieser Beziehungen sind enger geworden. Das Gefühl von Zugehörigkeit und Freiheit, uneingeschränkt Ich selbst sein können ist mir besonders von diesem Urlaub und der Gruppendynamik in Erinnerung geblieben. Und es ist ganz wunderbar. Andere queere, insbesondere nicht-binäre Menschen geben mir so viel Sicherheit und Selbstbewusstsein. Daher kann ich nur empfehlen: Such dir andere (gender)queere Menschen, eine Wahlfamilie, Räume, in denen du du selbst sein kannst. Menschen, mit denen du in den Urlaub fahren und Feiertage verbringen kannst. Es tut verdammt gut!

Du kannst diese Menschen natürlich auch einfach deine Freund*innen nennen. Das Wichtige ist, dass du liebe Menschen um dich herum hast. Und diese Menschen müssen nicht mal (alle) nicht-binär und/oder trans* sein. Schließlich sind wir ja auch mehr als unsere Queerness und es sollte natürlich auch auf anderen Ebenen passen. Aber für mich ist meine Queerness sehr identitätsstiftend und ich glaube in anderen queeren Menschen kann ich meine Wahlfamilie finden.

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