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Der Wunsch anders zu sein

Nicht-binär in einer binären Gesellschaft

CN Internalisierte Transfeindlichkeit, internalisierte “Enby”-Feindlichkeit, Transfeindlichkeit, Selbsthass, Misogynie 

Immer wenn von nicht-binären Menschen als Special Snowflakes gesprochen wird, die nur unbedingt besonders und anders sein wollen, muss ich mich bemühen, mein sarkastisches Schnaufen zu unterdrücken. Es stimmt, ich wäre gern anders. Aber genau gegenteilig zu dem, was die Leute meinen. Ich wünschte ich wäre nicht nicht-binär. Da – ich hab es geschrieben. Wo andere queere Menschen Pride fühlen, sitzt bei mir Resignation, Angst und Unzufriedenheit. Es ist anstrengend, ermüdend und frustrierend, als nicht-binäre Person in einer binären Gesellschaft zu leben. Es fällt mir schwer zu fordern, dass ich eine Existenzberechtigung haben will, weil ich sie mir oft selbst nicht zugestehe – und ich will nicht mehr kämpfen. Ich bewundere die anderen nicht-binären Menschen um mich herum. Menschen, die ihr Umfeld korrigieren, korrekte Anreden fordern und sich, statt einfach die Schutzmauer größer und stärker zu machen, dafür einsetzen, respektiert zu werden und die Gesellschaft für sich selbst und andere besser zu machen. 

Ich möchte Menschen ermutigen, sie selbst zu sein, sich nichts gefallen zu lassen und ihre Identität zu embracen. Dieser Blog soll ein Ort sein, um aufzuklären, Mut zu machen und Menschen zu zeigen, dass sie nicht allein sind. Doch immer wenn ich das Beitragsfeld öffne um etwas zu schreiben, werde ich überrollt von Selbstzweifeln, Angst, Überforderung und Isolation. Und statt darüber zu schreiben, schließe ich das Fenster wieder und denke, ich bin der denkbar schlechteste Mensch um gerade etwas beizutragen. Doch so unschön das alles auch sein mag, es ist Teil dessen was nicht-binär sein für mich bedeutet und vielleicht muss ich es niederschreiben, um mich davon befreien zu können.

Vom ewigen Scheitern

Es gibt keine Anleitung fürs nicht-binär sein; es gibt keine Checkliste, die abgehakt werden kann um am Ende bei sich selbst anzukommen. Es ist noch nicht mal ein linearer Prozess. Vor ziemlich genau 5 Jahren habe ich erstmals Worte für meine Geschlechtsidentität  gefunden: nicht-binär. Wie aufregend. Mensch würde meinen, von da an wird alles einfacher. Die Erkenntnis, damit nicht allein zu sein, nicht komisch oder kaputt zu sein, sondern eine Community zu haben von anderen Menschen, die genauso empfinden, sogar eine eigene Bezeichnung für dieses Empfinden zu haben, sollte wohl alles erleichtern und besser machen. Und tatsächlich ist es hilfreich nach 10 Jahren “ich bin keine Frau, aber auch kein Mann, aber das kann ja nicht sein, weil eins von beidem muss ja stimmen” zu erkennen, “nö, es gibt noch mehr Optionen”. Doch irgendwie fingen die Probleme und Herausforderungen da erst so richtig an. Es ist keine Bilderbuchgeschichte, es ist kein “und dann hab ich es allen gesagt, und alles wurde gut”, auch kein “es wurde mit der Zeit leichter und jetzt ist es okay”. Ich stecke immer noch mittendrin, in diesem ganzen Chaos, und es geht mir nicht gut. Es ist (m)eine Geschichte vom Scheitern und trotzdem weitermachen und der Hoffnung, irgendwann einmal anzukommen. 

Eines der größten Probleme ist es wohl, dass ich mit der Prämisse aufgewachsen bin, es allen Menschen immer so leicht wie möglich zu machen, mich klein zu machen und bloß keine Unannehmlichkeiten zu bereiten, nicht unbequem sein. In einer Gesellschaft die immernoch unfassbar binär und heteronormativ ist, zu sagen “hi, ich bin übrigens nicht-binär” ist nicht leicht. Weder für mich, noch für die anderen Menschen. Ich selbst sein und bloß keiner anderen Person Unbehagen bereiten ist nahezu ausgeschlossen.

Es ist ein ständiges Abwägen und eigene Grenzen übergehen. Meinen Deadname konnte ich nicht behalten, aber vielleicht nutze ich einfach einen eh schon existierenden Spitznamen. Ich könnte jetzt meinen Namen in der Uni anpassen, aber dann müsste ich mich vor meinen Kommiliton*innen outen und sie müssten sich alle umgewöhnen, vielleicht lass ich es einfach so, ist ja eh nur noch ein Semester. Dieser Freund weiß seit 4 Jahren, dass ich nicht-binär bin aber misgendert mich immer noch – aber ich kann das gerade aushalten, also lächle ich das einfach mal weg, er weiß ja selbst, dass das falsch ist, und irgendwann bekommt er es bestimmt hin. Ich habe einen DGTI-Ausweis, aber wenn ich ehrlich bin, habe ich ihn in den letzten 2 Jahren zwar täglich mit mir herumgetragen, aber ihn nie benutzt. Und wenn ich mich dann doch einmal bereit fühle, einer Person zu sagen, wer ich bin, heißt es “du bist so mutig” und auch wenn das vielleicht stimmt – es ist schließlich eine Überwindung – macht es mich vor allem unfassbar wütend. Es sollte nicht so schwierig sein, zu existieren.

Bild einer Person die allein in einer Turnhalle steht. Anstelle des Kopfes befindet sich ein Pappkarton mit einem traurigen Smiley.
Bild @Pexels I Foto von cottonbro studio

Die binäre Welt // Der unendliche Kampf

Es gibt kein nicht-binäres “Passing” und große Teile der Gesellschaft kennen nur ein binäres, cis Geschlechterbild. Jedes Aufeinandertreffen mit Menschen müsste damit beginnen, sie zu korrigieren. Das Bild, das sie von mir haben, ist immer cis und binär. Jeder Besuch einer öffentlichen Toilette ist ein dumpfes, unangenehmes Gefühl in meinem Inneren, weil ich eine Tür wählen muss, die in jedem Fall falsch ist, und die Zuschreibungen, die damit einhergehen, sind es auch. Wenn unsere Gesellschaft binär ist, wie kann ich es dann nicht sein?
Ich habe so oft versucht nicht mehr nicht-binär zu sein. Und ich bin ja Feminist, also wenn ich doch so sicher bin, dass Frauen alles tun können und dürfen, wieso kann ich dann nicht einfach eine cis Frau sein? Und wenn ich denke, Frauen sind unterdrückt und leiden im Patriarchat, wieso kann ich dann kein trans Mann sein?
Ich dachte, indem ich Gender Studies und Kulturwissenschaft studiere, würde ich Antworten finden. Eine fachliche Grundlage. Erstmal herausfinden, was genau Geschlecht in unserer Gesellschaft bedeutet und dann mal weiterschauen. Jetzt stehe ich kurz vor meinem Abschluss, habe einen guten Überblick darüber und noch mehr Fragen als vor dem Studium. 

Was ich gelernt habe ist, dass es keine objektive Wahrheit gibt, sondern immer nur Hypothesen, die sich an den geltenden Werten und Überzeugungen aktueller Gesellschaften orientieren. Ich denke oft es wäre so viel einfacher, wenn ich mir selbst beweisen könnte, dass ich nicht-binär bin. Wenn es einen Test gäbe, der ein für alle Mal anzeigt, dass ich wirklich bin was ich zu sein glaube. Aber in der Realität kann das nicht funktionieren. Weil es sowas wie die universelle Wahrheit ja gar nicht gibt. Ich bin nicht-binär, weil ich überzeugt bin, es zu sein. Der einzige Beweis dafür, dass das wahr ist, ist, dass ich es empfinde. Das ist schwierig für mich. Ich bin darauf angewiesen, dass andere Menschen mich so behandeln wie ich es mir wünsche. Das sollte zwar eigentlich selbstverständlich sein (einander zu respektieren oder wenigstens zu tolerieren ist ja die Grundlage unseres gesellschaftlichen Zusammenlebens) und doch gestehe ich mir das oft nicht zu. Wer bin ich denn auch, Menschen “zwingen” zu wollen, mich auf eine bestimmte Weise wahrzunehmen und zu behandeln, nur weil ich eine Geschlechtsidentität habe, die von dem heteronormativen, zweigeschlechtlichen, cis Bild von Geschlecht abweicht?

Ich fühle mich oft wie die Extrawurst, die special snowflake, der Außenseiter. Und ich wünschte, es wäre anders – ICH wäre anders. Ich verurteile mich dafür, dass es mich verletzt, wenn Menschen falsche Pronomen für mich verwenden, mich falsch ansprechen, oder mir medizinische Dienstleistungen verweigern. Ich kann das Verhalten anderer Menschen ja nicht beeinflussen, sondern nur mich selbst. Und ich schaffe es einfach nicht, den Schmerz abzuschütteln. Ich baue fleißig an meiner Schutzmauer, weil ich die unter Kontrolle habe. Aber ich merke wie mein Leben immer weniger lebenswert wird. 

Ich wäre lieber cis. Oder wenigstens binär trans* (trotz all der struggles, die binäre trans* Personen erleben müssen). Wenn ich mir allerdings gestatte, mein perfektes Leben auszumalen, bin ich immer noch nicht-binär. Aber frei. Ich stelle mir vor wie es wäre nur von Freund*innen umgeben zu sein, die mich auch ohne medizinische Transition als den Menschen sehen, der ich bin, und ich spüre die Euphorie, darüber endlich HRT (Hormonersatztherapie) anzufangen. Weil ich das nicht machen will, um in die Gesellschaft zu passen, sondern weil ich meinen Körper damit zu meinem Körper machen würde. Und dann denke ich mir kurz “mh, vielleicht ist das der Beweis dafür, dass das wirklich echt ist” und dann fühle ich mich schlecht, weil ich ja weiß, dass kein Mensch eine medizinische Transition braucht um deren trans* sein zu beweisen. Nur ich muss das. 

Manchmal stelle ich mir vor, wie ich mir selbst den Kopf streichle, und mir Mitleid dafür bekunde, dass ich all diese Trans*feindlichkeit, das Gatekeeping, und den Hass so verinnerlicht habe, dass ich jetzt da weiter mache, wo unsere Gesellschaft aufhört. Ich sollte doch den Gegenpol darstellen. Ich sollte mir die Toleranz, den Respekt und das Vertrauen entgegenbringen, das ich mir von außen so sehr wünsche. Stattdessen führe ich fort, was mir von außen aufgezwungen wird. Was für eine schreckliche Existenz. Nur ändert das Selbstmitleid nichts an den Umständen. 

Foto von zwei Händen die sich berühren. Angestrahlt von einem Regenbogen.
Bild @Pexels I Foto von cottonbro studio

Ich weiß nicht, woher ich die Energie nehmen soll, weiter zu kämpfen. Ich weiß aber, dass ich es tun muss, wenn ich irgendwann Frieden mit mir selbst finden will. Nach all der Zeit, in der ich mich bemüht habe, cis zu sein, binär zu sein, weiß ich, dass ich das nicht kann. Ich bin nicht-binär und höchstwahrscheinlich wird sich daran nichts mehr ändern. Zwar kann ich andere Menschen nicht zwingen, ihre Trans*feindlichkeit hinter sich zu lassen, aber ich kann damit beginnen, mich selbst zu respektieren. Ich kann Personen nicht zwingen, mich korrekt zu gendern oder meinen richtigen Namen zu verwenden, aber ich kann Respekt, Akzeptanz und Toleranz einfordern, weil das die Werte sind, die unser Zusammenleben erst möglich machen. Dazu gehört auch, mir diese selbst entgegenzubringen.
Ich kann nicht die ganze Gesellschaft verändern und an meine Bedürfnisse anpassen, aber ich kann darüber aufklären wie es ist, nicht-binär (in einer immer noch binären Gesellschaft) zu sein und wissenschaftliche Erkenntnisse zu diesem Thema teilen.
Es wird sicher nicht einfach, mir meine Identität zuzugestehen, ich werde auch immer wieder damit struggeln, da bin ich mir sicher. Aber ich schulde es mir selbst und meinen Überzeugungen für mich und andere Menschen einzustehen. 

Hi, mein Name ist Jelly und ich bin nicht-binär. 

4 Gedanken zu „Der Wunsch anders zu sein“

  1. Hallo Jelly,

    wow – Du schreibst mir aus der Seele! Ich habe erst seit zwei Jahren eine Bezeichnung dafür, was ich schon seit Geburt weiß: ich bin nicht binär. Ich habe 58 Jahre gebraucht, um dieses Label zu finden. Gewusst habe ich es ja immer schon. Und nun mache ich genau das durch, was Du beschreibst. Als weibliche und cis gelesene Person in meinem Alter ist es fast unmöglich „jetzt noch damit anzukommen“. Einzig meine Kinder akzeptieren es und versuchen, mich richtig anzusprechen. Mein Mann hat’s gehört und zur Kenntnis genommen. Aber richtig begriffen hat er es wohl nicht. Oft denke ich, ich verlange einfach zuviel von meinen Mitmenschen. Mich hat es aber trotzdem befreit, endlich zu wissen, dass ich kein exotisches Wesen bin, sondern einfach nur nicht binär. Mein ganzes Lebensstruggle erklärt sich für mich rückblickend. Trotzdem frage ich mich, ob ich mich nur aus Bequemlichkeit oder aus Angst bei meinen anderen Kontakten nicht oute. Macht doch alles nur kompliziert, oder? Wenn ich dreißig Jahre jünger wäre, würde ich sicher darauf bestehen, mit den richtigen Pronomen angesprochen zu werden und meinen Deadname nicht mehr dulden. Aber jetzt? Jetzt trete ich vehement für unsere Rechte ein. Oft verwundert es mein Umfeld, wenn ich immer für die queere Community spreche. Aber das sehe ich als meine kleinste Pflicht an. Du bist jedenfalls nicht alleine und Dein Nicht-binär-sein zählt! Trete dafür ein, kläre auf! Aber gönn Dir auch einfach die Ruhe, zu wissen, dass Du nicht mit jedem darüber streiten musst. Fühl Dich bitte von mir voll und ganz verstanden. Wir sind nicht allein! Alles Liebe auf Deinem Weg – Eo

  2. Dear Jelly,
    Danke von Herzen für das Teilen deiner Gedanken&Gefühle! Ich habe mir viele ähnliche Fragen gestellt (stelle sie mir immer noch) und struggle immer wieder mit damit als abinärer Mensch einen Platz in der binären Gesellschaft zu finden. Auch die Gedanken um die eigene Existenzberechtigung kenne ich sehr gut. Dein Beitrag gibt mir grad ein gutes Gefühl, weil ich nicht alleine bin mit meinen Fragen/Gedanken und der was ganz bestärkendes hat. Danke 🙂

  3. Danke für diesen Post. Mein jüngstes Kind ist nichtbinär und es tut gut, den Struggle mal aufgeschrieben vor sich zu sehen. Es ist anderen Menschen so schwer zu erklären, wo denn „das Problem“ ist. Sie haben einfach null Vorstellung davon, warum der Genderstern eben doch wichtig ist und auch das Kästchen divers oder die zusätzliche nonbinäre Kennzeichnung von Toiletten. „wenn’s egal ist, dann kann’s einem doch auch egal sein“ kommt so oft. Dass aber Nonbinarität nicht „ich bin gar nichts / es ist mir egal“ sondern „ich bin etwas anderes, aber ich bin etwas“ ist, das geht vielen nicht in den Kopf.
    In Zukunft kann ich auf deinen Artikel verweisen und muss nicht immer bei Adam und Eva anfangen. Ganz vielen lieben Dank dafür! 💛

    1. Danke dir für deinen Kommentar. Es ist so schön zu lesen, dass du dein Kind unterstützt und die Probleme die unsere Gesellschaft noch immer mit nicht-binären Menschen hat siehst und dir Veränderung wünschst. Und ich bin sehr glücklich darüber, dass du meinen Beitrag als Bereicherung empfindest. Ich freu mich gerade wirklich sehr (:

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