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Gender Reveal

MEIN GENDER REVEAL KAM SPÄTER

CN: internalisiertes Gatekeeping, Misgendern, Deadnaming und Geschlechtsdysphorie, Erwähnung von Depressionen, Reproduktion von Stereotypen über Geschlecht und sexuelle Orientierung, Schönheitsideale

Du bist schon erwachsen und überlegst, ob du vielleicht nicht-binär und/oder trans* bist? Aber die Erzählung von trans* Personen, die schon immer wussten, wer sie sind, verunsichert dich? Mir ging und geht es ähnlich. Eine Reflexion.

Ich wusste es schon immer… nicht!

Das Narrativ von „ich wusste schon als Kind, dass ich trans* bin“ hat mich lange Zeit verunsichert. Denn nichts hab ich als Kind gewusst – nicht, dass ich trans* bin und auch nicht, dass ich zumindest irgendwie vielleicht kein Mädchen oder später keine Frau sein könnte. Im Nachhinein gibt es vielleicht Dinge, die als „Anzeichen“ interpretiert werden könnten. Aber das sind Dinge wie Kleidung und bevorzugtes Spielzeug – wovon ich sowohl Dinge trug und mochte, die in unserer Gesellschaft als weiblich und welche, die als männlich eingeordnet werden.

Hat mein Spielzeug mein Gender revealt?

Da meine Eltern sich schon früh trennten, spielte ich bei meiner Mutter meist mit Puppen, Barbie, Polly Pocket und all diesen weiblich assoziierten Spielsachen. Mit meinem Vater spielte ich Fußball, bei ihm baute ich Legohäuser oder die Holzeisenbahn quer durchs ganze Wohnzimmer. Ich kletterte gern auf Bäume und beneidete Mädchen – wie meine Cousine – die wilder, mutiger, „jungenhafter“ waren. Ich kam mir schon früh zu empfindlich vor.

Aber solche Sachen – Spielzeug, Spielverhalten – werden oft auch mit der sexuellen Orientierung einer Person in Verbindung gebracht. Das typische Narrativ: Weil der Junge früher weiblich assoziiertes Verhalten zeigte, z.B. mit Puppen spielte, wusste die Mutter schon immer, dass er schwul ist. Als er sich irgendwann outet, ist die Überraschung für ihn größer als für die Eltern. Dieses Beispiel mag überspitzt wirken. Aber so kommen diese Geschichten bei mir an.

Als ich anfing meine Geschlechtsidentität zu hinterfragen, suchte ich also auch nach solchen Merkmalen und wusste dann im Endeffekt überhaupt nicht, wofür sie denn nun ein Indikator darstellen könnten. Hab ich gern mit Spielsachen „beider“ Geschlechter gespielt, weil meine sexuelle Orientierung queer ist? Oder hat es doch was mit der Geschlechtsidentität zu tun?

Lasst uns aufhören, Gegenstände zu vergeschlechtlichen

Und im Endeffekt ist das alles irgendwie auch Bullshit. Farben, Kleidung, Spielzeug haben kein Geschlecht und sollten einfach nicht geschlechtsspezifisch sein. Und sie sollten auch nicht mit der sexuellen Orientierung in Verbindung gebracht werden. Menschen sollten mit Dingen spielen, die ihnen Freude bereiten, Sachen anziehen, in denen sie sich wohlfühlen und Farben mögen, die ihnen halt gefallen.

Wenn all diese Dinge, die in unserer Welt geschlechtsspezifisch gesehen werden, einfach das wären, was sie eigentlich sind – nämlich Farben, Kleidung, Spielzeug, Verhaltensweisen – dann wäre ich vermutlich deutlich freier darin, meine Identität zu explorieren. Keine Stereotype, die meine Gedankengänge einengen, mich immer wieder „zwingen“, Dinge einzuordnen. Ich könnte über mich selbst nachdenken, ohne all diese Dinge hinsichtlich ihres zugehörigen „Geschlechts“ zu analysieren und einfach nur darüber nachdenken, was ich mal mochte und was ich jetzt mag, wer ich mal war und wer ich jetzt bin.

gender reveal
Bild: @pexels | Rodnae Productions

nicht-binäre Repräsentation? Fehlanzeige!

Ich glaube insbesondere für nicht-binäre Personen ist das Narrativ des frühen Wissens nochmal besonders schwierig, denn die wenigsten wussten wohl als Kinder, dass es da draußen mehr gibt als Männer und Frauen. Die Gesellschaft hält solche Informationen eher unter Verschluss, es gibt kaum nicht-binäre Repräsentationen. Auch wenn ich das Gefühl habe, dass es langsam ein wenig besser wird, bin ich erst sehr spät mit nicht-binären Personen in Berührung gekommen.

Das erste Mal ergab sich, als ich nach dem Abi ein Work and Travel Jahr im englischsprachigen Ausland verbrachte. Das mag für die Biographie einer deutschen Person zwar klischeehaft klingen, war aber dennoch sehr bedeutsam für mich und meine persönliche Entwicklung. Ich war 19 und diese genderqueeren Personen, die ich traf, erfüllten mich mit Ehrfurcht. Das war mir alles unbekannt, aber ich stellte es nicht in Frage, sondern war fasziniert. Ehrfurcht und Faszination waren seitdem irgendwie immer die Gefühle, die ich verspürte, wenn ich nicht-binären Personen begegnete, bevor ich überhaupt begriff, dass ich Teil dieser Gruppe war.

erstes Hinterfragen

Ich begann bereits kurz nach den ersten Begegnungen, als ich zurück in Deutschland war, darüber nachzudenken, ob ich dazugehörte. Aber ich beschwichtigte mich selbst immer schnell – „Nein, nein. Ich bin schon eine cis Frau“. Das war im Nachhinein wirklich sehr wenig überzeugend und hat sich glaube ich auch nicht wirklich richtig angefühlt, aber ich hab es doch  geglaubt. Vielleicht mag ich den Begriff „cis“ einfach nicht, denke ich manchmal heute noch. Vielleicht hat er sich nicht queer genug angefühlt.

Queer genug

Dass ich nicht hetero bin, das war mir zwar schon immer klar, dennoch hatte ich oft das Gefühl, nicht queer genug zu sein. Die Labels bi- oder pansexuell, die ich früher für meine sexuelle Orientierung verwendet habe, schienen irgendwie nicht genug. Als würde ich mich queerer fühlen als das. Manchmal frage ich mich immer noch, ob ich eigentlich nur internalisiertes Gatekeeping betreibe und weil eine queere sexuelle Orientierung nicht ausreichte, dann „beschloss“ auch meine Identität zu queeren. Denke ich insgeheim, dass Personen, die „nur“ eine queere sexuelle Orientierung nicht queer genug sind und muss mich deshalb von ihnen abgrenzen, indem ich „queerer“ bin? Oder denke ich nur von mir selbst, dass meine Queerness nicht „genug“ ist, wenn sie sich nicht auch auf meine Identität bezieht? Denn eigentlich bezieht sich dieses Gefühl ja nur auf mich selbst.

Femininität

Natürlich war meine Erkenntnis, genderqueer zu sein, keine Entscheidung, sondern eher eine Entdeckung. Aber über einige Dinge wundere ich mich doch immer noch… Ich hatte doch jahrelang auch keine Geschlechtsdysphorie (oder habe sie nicht als solche erkannt). Ich mochte meine Brüste früher sogar mal. Warum jetzt auf einmal nicht mehr? Und ich hatte auch jahrelang kein Problem als Frau bezeichnet zu werden, mit „weiblichen“ Begriffen betitelt zu werden. In meiner Pubertät kleidete ich mich teilweise hyperfeminin (allerdings auch immer mal wieder sehr maskulin).

Kleidung

Interessanterweise sind mir die hyperfemininen Looks viel stärker im Gedächtnis geblieben als die maskulinen. So als hätte ich Erinnerungen an dieses Rumexperimentieren verdrängt. Erinnerungen, die vielleicht schon viel früher andeuteten, was ich jetzt so stark fühle. Das Wohlbefinden in weiter, lässiger Kleidung und dennoch auch das Bedürfnis, Feminität zu verkörpern. Ausprobieren, rumspielen, uneindeutig und verwirrend für Andere sein.

Aber jetzt, wo ich meine queere Identität gefunden habe, fühlt sich dieses Ausprobieren noch sanktionierter an als vorher. Denn jetzt hat ein femininer Look Konsequenzen. Ich werde noch schneller falsch gelesen, eingeordnet, angesprochen. Nicht-binäres Passing scheint sowieso nahezu unmöglich – aber wenn schon androgyn. Als wäre Kleidung jetzt auf einmal gleichzusetzen mit Gender, vorher aber nicht. Was ja einfach grundlegend falsch ist. Ich bin mir mittlerweile viel stärker bewusst darüber, dass Kleidung und Gender nichts miteinander zu tun haben müssen und doch scheint ihre Wichtigkeit für mein Selbstbild als genderqueere Person auf einmal immens gestiegen zu sein. Das ist doch scheiße.

Gender reveal, Gender Dysphoria, Gender Euphoria

Ich kann diese Fragen nach „dem Ursprung“ meiner Identität nicht beantworten. Ich weiß nicht, warum ich früher kein Problem mit diesen Begriffen, dieser Kleidung, meinem Körper auf diese spezifische Art hatte. Aber ich weiß, dass es jetzt so ist. Ich merke, wie es jedes Mal einen Stich auslöst, wenn ich als „Frau“ oder „Dame“ bezeichnet werde, wenn mein Deadname genannt wird. Ich weiß, dass ich jetzt dysphorisch bin. Und ich weiß auch, wie euphorisch es mich macht, wenn ich mit meinen beiden (selbst gewählten) Vornamen angesprochen werde, wenn they Pronomen für mich benutzt werden oder wenn ich mich in einem Outfit so richtig wohl fühle. Das ist neu gefundene Freude – zwischen all den neu erkannten Problemen – die ich vorher in dieser Art nicht kannte.

Also verlasse ich mich auf mein Gefühl jetzt. Dann kann ich halt nicht alles aus meiner Vergangenheit erklären, nicht alle Fragen beantworten, die sich mir aufdrängen. Aber ich kann daran arbeiten, mich möglichst wohl zu fühlen mit meiner Geschlechtsidentität, mir mein zu Hause neu einrichten.

Gender reveal geglückt – Bin ich glücklich?

Meine Oma hat mich vor einer Weile gefragt, ob ich denn jetzt glücklich bin, nachdem ich kurz vorher mein Coming Out bei ihr mit meinem Flyer hatte. Das hat mir deutlich gemacht, dass sie leider kein Gefühl dafür hat, welche Probleme sich durch eine nicht-binäre Identität in einer binären Gesellschaft ergeben. Denn die Antwort ist leider: Nein, ich bin nicht unbedingt glücklich. Vielleicht nicht mal unbedingt glücklicher als vorher. Aber ich bin froh darüber, mehr darüber herausgefunden zu haben, wer ich eigentlich bin und mehr als diese Person leben zu können. Ich bin dankbar für die queeren Menschen in meinem Leben und Menschen, die mich unterstützen. Aber all meine anderen Probleme? Sind leider immer noch da.

Das Erkennen meiner Geschlechtsidentität hat leider nicht all meine anderen Probleme auf magische Art und Weise weggeblasen. Aber das habe ich auch nicht erwartet. Ich habe nur das Gefühl, dass das ein Anspruch ist, der zum Beispiel auch oft an geschlechtsangleichende Maßnahmen gestellt wird. Danach muss die Person endlich glücklich sein und sich zu 100% wohl in ihrem Körper fühlen. Aber um ehrlich zu sein, werde ich mich wahrscheinlich niemals zu 100% wohl in meinem Körper fühlen.

Mein Verhältnis zu meinem Körper

Ich hab jahrelang damit verbracht, ihn zu hassen. Ungesunde Schönheitsideale – vermittelt durch Mainstream-Medien – verbunden mit obsessiver Beschäftigung mit meinem Körper, Depressionen und damit einhergehender Selbsthass. Ich weiß genau, dass ich das niemals alles loswerde, egal wie hart ich dagegen ankämpfe. Das sitzt so tief. Ich habe sicherlich schon vieles davon überwunden oder zumindest reflektiert, um nicht mehr darauf hereinzufallen. Aber ich erwarte nicht, dass das irgendwann alles einfach weg ist.

Was ich mittlerweile anstrebe ist Gleichgültigkeit (ich denke hier an die body neutrality Bewegung). Vielleicht auch mal positive Gefühle. Aber jeden Tag in den Spiegel zu schauen und glücklich und zufrieden mit meinem Körper zu sein, ist für mich kein realistischer Anspruch. Und wahrscheinlich auch kein erstrebenswerter. Denn für mich ist zumindest auf der theoretischen Ebene ganz klar: Das Aussehen bestimmt nicht den Wert eines Menschen. Das sollte sowohl für Fremd- als auch für Selbsteinschätzungen gelten. Vielleicht empfinde ich meinem Körper gegenüber auch irgendwann Dankbarkeit. Dankbarkeit dafür, dass er mich durch’s Leben trägt und so gut mitmacht, obwohl ich ihm echt schon viel Scheiße zugemutet habe. Ich probiere jetzt nett zu meinem Körper zu sein, aber das ist gar nicht so einfach.

Smash Schönheitsideale

Ich erfülle das Klischeebild der dünnen, weißen, androgynen, nicht-behinderten, nicht-binären Person perfekt. Die mangelnde Repräsentation unterschiedlichster nicht-binärer Körper und Personen macht eine neue Kategorie an „Schönheitsidealen“ auf und schürt wieder einmal Angst vor dem Anderssein. Im Anderssein. Das schadet mir und allen anderen trans* und nicht-binären Menschen.

Also: Smash the cistem und Schönheitsideale und den ganzen toxischen Kack!

Eure Süßmaus

Vielen Dank an Claude Kempen für die Inspiration, den Austausch und die hilfreichen Kommentare zu diesem Text!

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